Internationale Rechnungslegung: 2.1 Zugrundeliegende Annahmen

2 Prinzipien

LERNZIELE:

Nach Durchsicht dieses Kapitels sollten Sie die Prinzipien verstanden haben, die den IFRS zugrunde liegen, nämlich das Going Concern Prinzip und das Prinzip der Accrual Basis.

Weiterhin sollten Sie die Qualitative Characteristics kennen und die Restriktionen (Constraints) beschreiben können, die für die IFRS-Vorschriften wichtig sind.

Vergängenwärtigen Sie sich nochmals die GoB bei der Bilanzierung nach Handelsrecht – der Vergleich wird Ihnen teilweise bekannt vorkommen.

2.1 Zugrundeliegende Annahmen

Als zugrundeliegende Annahmen (= underlying assumptions) unterscheidet man

  • Going Concern Prinzip (= Unternehmensfortführungsprinzip)
  • Accrual Basis (= Periodenabgrenzung).

2.1.1 Unternehmensfortführung

Der Jahresabschluss ist unter der Prämisse der Unternehmensfortführung (= Going Concern) aufzustellen (IAS 1.25 – IAS 1.26). Die Bedeutung dessen sieht man z.B. in der Bewertung von Vermögenswerten.

Beispiel 1:

Die Trulla-AG erwirbt am 2.1.2010 einen Overheadprojektor für 1.000 € und plant, diesen über vier Jahre zu nutzen. Am 31.12.2011 könnte sie diesen für 300 € verkaufen.

Die Bewertung des OHP erfolgt unter Anwendung des Prinzips der Unternehmensfortführung so, als würde man die Unternehmen weiterbetreiben und also den Gegenstand auch volle vier Jahre nutzen. Der OHP wäre damit am 31.12.2011 mit

RBW2011 = AK – AB2010 – AB2011

= 1.000 – 250 – 250

= 500 €

zu bewerten.

Wenn nicht nach Going Concern, sondern vielmehr nach dem Zerschlagungswert bewertet würde, so wäre der Projektor allerdings mit 300 € zu bewerten, denn dies ließe sich am 31.12.2011 noch erzielen. Würde die Unternehmung also am Ende des Jahres 2011 aufgelöst (= zerschlagen), so wäre eine Zerschlagungsbilanz aufzustellen.

Ein Abschluss ist nach IFRS unter drei Voraussetzungen nicht (!) nach dem Fortführungsprinzip zu erstellen (IAS 1.23):

  • wenn das Management beabsichtigt, das Unternehmen aufzulösen oder
  • wenn das Management beabsichtigt, das Geschäft einzustellen oder
  • keine realistische Alternative mehr hat, als so zu verfahren.

2.1.2 Periodenabgrenzung

Für die Periodenabgrenzung wird in IAS 1.28 explizit auf das Rahmenkonzept Bezug genommen.

2.1.2.1 Erträge und Aufwendungen

Mit Ausnahme der Kapitalflussrechnung ist der Abschluss nach dem Konzept der Periodenabgrenzung aufzustellen (IAS.25). Das Prinzip der Periodenabgrenzung (= Accrual Basis) ist wichtig für die Frage, wann (!) Erträge und Aufwendungen schon anzusetzen sind und wann noch nicht:

  • Erträge
    • Realisation Principle (= Realisationsprinzip)
  • Aufwendungen
    • Matching Principle (= Prinzip der sachlichen Abgrenzung)
    • Deferral
      • zeitraumbezogene Abgrenzung.

Das Realisationsprinzip besagt, wann ein Ertrag entstanden ist und wann noch nicht. Ein Ertrag ist nach dem Realisationsprinzip entstanden, wenn (IAS 18)

  • eine Zunahme des künftigen Nutzens
  • durch eine Zunahme bei einem Asset oder
  • durch Abnahme bei einer Liability stattgefunden hat,
  • die verlässlich gemessen werden kann.

2.1.2.2 Wertaufhellung

Wichtig auch im Rahmen der korrekten Periodenabgrenzung ist auch das Prinzip der Wertaufhellung, das bei IFRS in einem eigenen Standard geregelt ist (IAS 10 Ereignisse nach der Berichtsperiode). Es besagt, dass alle vorhersehbaren Risiken und Verluste, die bis zum Abschlussstichtag entstanden sind, auch berücksichtigt werden, selbst dann, wenn sie erst nach dem Bilanzstichtag, aber vor der Bilanzerstellung bekannt werden. Hierbei sind allerdings

  • werterhellende Tatsachen und
  • wertbegründende Tatsachen

zu unterscheiden. Eine Sache ist werterhellend (= wertaufhellend), wenn sie vor dem Bilanzstichtag geschah, erst nach dem Bilanzstichtag und aber vor der Bilanzerstellung bekannt wird. Sie muss in der Bilanz des alten Jahres berücksichtigt werden (IAS 10.3 a)).

Hingegen ist sie wertbegründend, wenn sie erst nach dem Bilanzstichtag geschah und folglich erst nach dem Bilanzstichtag bekannt wird. Sie darf in der Bilanz des alten Jahres nicht berücksichtigt werden (IAS 10.3b)).

Was im Rahmen eines Code Law wie des HGB undenkbar wäre, wird im Rahmen der IAS/IFRS, also des Case Law, praktiziert: Beispiele im Gesetztestext. So beschreibt IAS 10.11 einen Fall einer wertbegründenden Information:

Beispiel 2:

Sinken des Marktwertes einer Finanzinvestition zwischen dem Bilanzstichtag und dem Tag, an dem der Abschluss zur Veröffentlichung freigegeben wird.

Weitere Fälle folgen:

Beispiel 3:

Ende des Jahres 2007 besitzt die Hugo Schrott AG eine Forderung aus Warenlieferungen gegen Carlo S. über € 119.000 (inkl. 19 % MWSt.)

  1. Am 15.1.2008 erfährt der Geschäftsführer der Schrott AG, dass Carlo S. am 18.12.2007 wegen des Brandes seiner Lagerhalle schon Anfang Dezember Konkurs angemeldet hat. Die Forderung wird wohl voll verloren sein, denn die Pressemitteilungen lassen nichts gutes erahnen.
  2. Wie wäre die Lage zu beurteilen, wenn die Schrott AG noch am 28.12.2007 vom Konkurs des Carlo erfährt?
  3. Wie wäre die Lage, wenn die Schrott AG am 10.4.2008, also zehn Tage nach Bilanzerstellung, vom Konkurs erfährt?
  4. Und wie sieht es aus, wenn der Konkurs des Carlo erst am 10.1.2008 erfolgt und die Schrott AG dies am 15.1.2008 erfährt?

a) Wir erfahren nach dem Bilanzstichtag, aber vor der Bilanzerstellung, dass die Forderung nicht mehr werthaltig ist. Sie muss insofern noch im alten Jahr abgewertet werden (werterhellende Information).

b) Wir haben dann kein Problem vorliegen, denn im alten Jahr erfahren wir noch, was im alten Jahr passiert. Klarerweise muss die Information im alten Jahr berücksichtigt werden.

c) Nach der Bilanzerstellung kann die einmal erstellte Bilanz nicht mehr verändert werden. Es erfolgt deshalb keine Veränderung und keine Aufnahme der Position in die alte Bilanz.

d) Es läge eine wertbegründende Information vor, die nicht in der Bilanz beachtet werden dürfte.

 

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